Mittwoch, 2. Juli 2014

Latzes WM: Top & Flop (5)

TOP
 
Manuel Neuer
Unfassbar, was der Mann da gegen Algerien abgeliefert hat. War immer dann frühzeitig zur Stelle, wenn sich ein Algerier ungehörigerweise seinem Strafraum näherte. Ich bin fast geneigt, mich zu fragen: Tat er das nur aus höchster Not, weil ihn die Nachlässigkeiten seiner Vorderleute dazu zwangen? Oder war das, was wir gesehen haben, womöglich genauso vorgesehen und die Ausführung eines neuen Defensivkonzepts? Nein, für letzteres wäre mehr Mut erforderlich, als wir wohl von einem Bundestrainer erwarten dürfen.

Per Mertesacker
Ich wünschte, The Big Fucking German wäre unser Kapitän. Der kleine Philipp ist ein grandioser Spieler, keine Frage. Aber seine Statements nach dem Spiel sind in ihrer rundgelutschten Pressesprecher-Monotonie unerträglich. Dann lieber Mertesacker, der nicht nur eine großartige WM spielt, sondern auch knackige, kantige Interviews gibt. Gut, nach dem Achtelfinale ist er etwas übers Ziel hinausgeschossen, als er ZDF-Mann Boris Büchler derart angepflaumt hat. Man kann ihn verstehen, dass er nach einem solch harten Spiel 120 Minuten Dauerpower keinen Bock auf negative Fragen hat. Zumal Büchler auch etwas einfühlsamer hätte rangehen können, anstatt ihn gleich in der ersten Frage mit "Glückwunsch, aber so doll war das ja nicht" volley zu nehmen. Ein Einstieg mit "Wie sehr freuen sie sich über den Sieg" oder so mit einer kritischen Frage "Was hat ihnen nicht so gefallen?" hintendran wäre vielleicht taktisch klüger gewesen. Mertesacker seinerseits hätte etwas souveräner und weniger pampig reagieren können. Sei's drum, beide können draus lernen. Und dass Mertesacker sich überhaupt traut, mal neben der Spur was Kritisches zu entgegnen, macht ihn zum Kapitän des Herzens. ZEIT Online hat das übrigens sehr treffend kommentiert.

FLOP
 
Mario Götze
Der technisch sichere Ballbesitzfußball à la Pep, den die deutsche Mannschaft bei dieser WM über weite Strecken zeigt, ist ja schön und gut. Aber etwas schneller, aggressiver, geradliniger und torgefährlicher dürfte es dann schon sein. Diese Kritik ist momentan überall zu lesen und zu hören, und sie ist berechtigt. Und gestern gegen Algerien hatte dieses Tiki-Kaka, wie ich es nenne, auch ein Gesicht: Mario Götze. Er spielt bei dieser WM weit unter Form, produziert Fehlpässe, sinn- und zu oft auch erfolglose Dribblings, keine zündenden Ideen und null Torgefahr. Er ist ein großartiger Spieler und wird sicher wieder sein Können zeigen, aber nicht in Brasilien. Dort möchte ich ihn nicht mehr sehen. Das zweite Sorgenkind ist Özil, der auf ähnlichem Niveau, aber mit leicht ansteigender Formkurve spielt. Da er bei Löw gesetzt ist, können wir nur hoffen, dass er noch besser wird.

Die deutsche Defensive
Sie ist aus meiner Sicht der Grund, warum das deutsche Spiel offensiv nicht aus dem Knick kommt und auch defensiv anfällig ist - obwohl die Innenverteidigung mit Hummels/Boateng und Mertesacker sowie Keeper Neuer einen guten bis sehr guten Job machen. Die Idee, Lahm ins defensive Mittelfeld zu stellen und dafür die Außenverteidigerpositionen zu vernachlässigen, halte ich für den falschen Weg. Sicher, Lahm ist ein ungeheuer intelligenter, passsicherer Spieler, der die Rolle als Sechser sehr gut spielen kann. Doch gestern hat man die Grenzen gesehen: Von ihm geht auf dieser Position zu wenig Impuls und Schnelligkeit für das Offensivspiel aus. Als Außenverteidiger ist er absolute Weltklasse - stark in der Defensive, ideenreich, flink und passstark in der Offensive. Auf der Sechs dagegen gibt es genug andere, die den Job mindestens genauso gut machen. Die Folge von Lahms Umstellung aber ist, dass die Außenverteidigung schlecht besetzt ist. Mustafi hat sich offensiv bemüht, war aber dadurch defensiv überfordert. Höwedes ist in der Defensive solide, offensiv aber ein schwarzes Loch - von der linken Angriffsseite droht den deutschen Gegnern bei dieser WM bisher keinerlei Gefahr. Ich bin gespannt, ob Löw das erkennt und noch umbaut. ... Oh, die Jungs von der FAZ sehen das ähnlich.