Dienstag, 16. Dezember 2014

Läuft bei dir, Börnsen

Unser Dorf, in dem wir jetzt seit über zweieinhalb Jahren leben, ist spannend. Wahrscheinlich ähnlich spannend wie die anderen tausend Dörfer dieser Größenordnung in unserem Land. In jedem dieser Dörfer dürfte es nämlich politische Possenspielchen, Kungelei und Merkwürdigkeiten geben, die sich rund um Baupläne, Investoren, Gemeindevertreter, Bürgermeister und all diese Dinge drehen. So auch hier.

Wie von mir nach der letzten Wahl und ein Jahr nach unserem Zuzug beschrieben, handelt es sich bei Börnsen um eine Informationspampa. Informationen darüber, was in der Gemeinde so vorgeht, bekommt man eigentlich nur aus der Börnsener Rundschau. So heißt das als Bürgerinformation verkleidete Parteiblatt der regierenden SPD, das vierteljährlich in den Briefkasten flattert. Und hin und wieder schreibt die Bergedorfer Zeitung. Informationen im Internet gibt es kaum – dass die Rundschau auch als PDF-Download auf der Website des SPD-Ortsvereins steht und dass Mopo und BILD & Co eine dpa-Meldung verwursten, wenn einer sich selbst und eine Garage abfackelt, zählt nicht.

Immerhin müssen die amtlichen Bekanntmachungen seit kurzem obligatorisch im Internet zu sehen sein. Der Fortschritt treibt seine ersten zarten Blüten. Ein Fortschritt, der auch bei der Bergedorfer Zeitung als zuständigem Lokalblatt noch Umwege nehmen muss, um beim Leser anzukommen. Ihre Berichte über Börnsen findet man relativ mühsam erst dann, wenn man die Suche bemüht und dann bei den Ergebnissen des „Printarchivs“ landet.

Diese vorsintflutliche und für Normal- und erst recht Neubürger nebulöse Informationslage ist anscheinend sinnbildlich für die politische Gesamtsituation. Wie gesagt, es regiert die SPD, die seit über 20 Jahren den Bürgermeister Walter Heisch stellt und die Mehrheit im Gemeinderat hat. Lange Jahre gab es offenbar keine Opposition. Ich als Neubürger habe die CDU bisher nicht wahrgenommen. Es gibt sie zwar irgendwie, aber man sieht sie nicht. Alles politische in der Gemeinde scheint von einer rot schimmernden Patina überzogen.

So ist es ja in den Dorfgemeinden dieses Landes: Mit Parteipolitik, wie wir sie aus dem Fernsehen kennen, wo die in den Parteibüchern vor Urzeiten festgelegten Überzeugungen zumindest noch schemenhaft zu erkennen sind, wo also zum größten Teil das drin ist, was in drei Buchstaben draufsteht, hat das in der Pampa nix zu tun. Das durfte ich schon in meiner Zeit als Lokaljournalistenlehrling in der Heimat lernen. Auf dem Dorf sind auch mal die Konservativen rot und die Ökos schwarz, mal sind hier die Verhinderer oder die Mauscheleien, mal dort, und eine Gemeinde weiter ist es schon wieder andersrum. Will heißen: Ob CDU, SPD, Grüne oder sonstwer ist egal. Heisch selbst sagt: „In Börnsen spielen die Parteizugehörigkeiten eine untergeordnete Rolle, die Politik hängt mehr von den handelnden Personen ab.“ Ist ja auch nix neues, dass in den Dörfern die Politik selten vom Parteibuch der jeweils Handelnden, sondern eher mehr von persönlichen Interessen, Nasenfaktor und anlassbezogenen Seilschaften gelenkt wird.

Das klingt alles furchtbar negativ, ist es aber gar nicht. So ist halt der Mensch, und warum macht er die Dinge so, wie er sie macht? Weil er es kann. Man kann als Dorfschaft nur versuchen, richtig damit umzugehen und bei dringendem Bedarf reinzugrätschen.

In die Gemeinde Börnsen jedenfalls gehört ein kräftig frischer Wind – das ist mein Eindruck nach zweieinhalb Jahren. Die erste zarte Brise war vielleicht die letzte Wahl im Mai 2013, aus der die Grünen als zweitstärkste Kraft hervorgingen. Eine starke Opposition erwartet man als Neuankömmling zunächst von der CDU als große "Volkspartei", doch einen solchen Zustand gibt und gab es offenbar seit Jahren nicht. Die erstarkten Grünen scheinen diese Aufgabe ambitioniert anzunehmen, auch wenn es ihnen augenscheinlich noch an der Manpower fehlt. Immerhin informieren sie auf ihrer Website aktuell über die neuesten Beschlüsse und sonstigen Vorkommnisse in der Gemeinde. Das ist mehr als alle anderen tun und deshalb ein Anfang, der ausgebaut werden kann und muss. Bezeichnend: Eine vollständige aktuelle Aufstellung, wer in der Gemeindevertretung und in den Ausschüssen sitzt, findet sich im Internet nur bei den Grünen, aber weder bei der SPD (Infos haben den Stand Oktober 2012) noch bei der Gemeinde (Fehlanzeige).

Ein großer Schritt in der Gemeinde wäre mehr Transparenz. Die ist vonnöten. Wer ein bisschen im Internet surft, findet zum Beispiel einen Jens Dantzer als CDU-Ausschussmitglied. Er scheint verwandt zu sein und in früherer geschäftlicher Tätigkeit, die wegen Erfolglosigkeit und irgendwie mysteriös endete, verbunden gewesen zu sein mit einem Sönke Dantzer, den viele Häuslebauer in Börnsen nur zu gut kennen. Dass letzterer sich mit der im Dorf allgegenwärtigen Firma GfG aus Henstedt-Ulzburg bestens versteht und sich von ihr mit Aufträgen versorgen lässt, wenn es um Erdarbeiten und andere hausbaunahe Tätigkeiten geht, wissen viele und haben viele auch schon selbst erlebt – wir auch. Die GfG wiederum baut Häuser, besitzt und verkauft Grundstücke und geriert sich als der Gemeinde überaus gewogener Antreiber, wenn es um größere Bauprojekte wie zum Beispiel die geplante Senioren-Wohnanlage geht. Dazu zählen auch öffentliche gegenseitige Schmeicheleien mit der SPD und ihrem Bürgermeister. Und schon hätten wir den Bogen von der CDU zur SPD geschlagen. Dass sich solche Dinge durch ein paar Minuten Google-Recherche herausfinden lassen, lässt vermuten: Die Verwicklungen sind sicher zum einen noch etwas komplizierter und zum anderen für die meisten Dorfbewohner wahrscheinlich nicht neu.

Aktuell gibt es Verwerfungen zwischen dem Bürgermeister und dem Gas- und Wärmedienst Börnsen (GWB), dem örtlichen Gas-, Wasser-, Wärme- und Stromversorger. Ein hübsches kleines profitables Unternehmen ist da entstanden, ein Vorzeigeobjekt der Gemeinde – zurecht, denn Versorgung und Service funktionieren gut. Nun fährt der Bürgermeister aber in die Parade. So sehr, dass der GWB-Geschäftsführer seinen Posten verlässt und dem Bürgermeister „Tyrannei“ und „Nötigung im Amt“ vorwirft. Oha. Klingt spannend und ist etwas detaillierter, wenn auch noch nicht übermäßig erhellend für den Normalbürger nachzulesen in diesem und diesem Bericht der Bergedorfer Zeitung. Das, was da alles los ist, erfährt man aber nirgends wirklich.

Es braucht mehr Öffentlichkeit in Börnsen, in dieser Sache und allgemein. Mehr dazu demnächst in diesem Theater. Wer jetzt schon mehr wissen will, wird auf der Seite der Börnsener Grünen fündig. Wie gesagt: Da muss ein frischer Wind wehen. Viel mehr Transparenz und Information wären ein erster und gleichzeitig sehr wichtiger Schritt. Ich hatte schon mal erwogen, da irgendwie mitzutun, und nach meinem oben erwähnten Blogbeitrag gab es schon erste Kontakte zur SPD, doch das habe ich schleifen lassen. Jetzt juckt es mich wieder in den Fingern. Mal sehen. Ich werde berichten.