Montag, 13. Oktober 2014

Auto fahren in Schland - eine Polemik

Kann ein Blogbeitrag auch therapeutische Wirkung haben? Vielleicht, man weiß es nicht. Aber ich werde es heute mal ausprobieren. Mir liegt nämlich etwas auf der Seele, etwas, das mich nachdenklich macht. Es ist eine Sache, die ich seit längerem an mir beobachte, eine Sache, die in mir nicht nur negative Gedanken und Gefühle auslöst, sondern die auch besorgniserregende Auswirkungen auf mein Handeln hat. Und zwar: Ich mag nicht mehr Auto fahren.

Jeder, der mich kennt, weiß: Eigentlich liebe ich Auto fahren.

Aber nicht mehr in diesem Land.

Die deutschen Autofahrer machen mich fertig. Und das auf sehr kreative, vielfältige und ausdauernde Weise. Diese Mischung aus Ignoranz, Egoismus, Rücksichtslosigkeit, dummen Gewohnheiten, Schnarchnasigkeit, Gleichgültigkeit und Faulheit kann ich nicht mehr ertragen.

Ich will sie nicht mehr sehen, diese 
  • Idioten, die auf der Autobahn mit gefühlten 427 Klamotten auf der linken Spur angeballert kommen, schon aus vier Kilometern Entfernung von Lichthupen-Tourette befallen werden und dann erst bremsen, wenn sie schon den Werbeaufdruck auf meiner Kennzeichenhalterung lesen können. OBWOHL SIE GENAU SEHEN, DASS ICH NICHT NACH RECHTS KANN, WEIL DA VOLL IST!
  • Tranfunzeln, die auf der Autobahn nicht nach rechts fahren, obwohl dort frei ist. Weil sie nicht wissen, dass jemand hinter ihnen ist, der eventuell schneller sein könnte. Weil sie schon seit mehreren Wochen ihre Rückspiegel nicht mehr benutzt haben.
  • Ignoranten, die auf einer vielbefahrenen Straße innerorts am entgegenkommenden Linksabbieger, hinter dem sich schon ein kilometerlanger Stau gebildet hat, stumpf vorbeifahren, anstatt ihm mal kurz den Platz zum Abbiegen zu lassen.
  • Pennbrüder, die auf einer vielbefahrenen Straße innerorts links abbiegen wollen, einen kilometerlangen Stau hinter sich haben und es nicht mitkriegen, wenn einer der Entgegenkommenden sie durchlassen will, weil sie in die Luft gucken.
  • Schlafmützen, die als erste an der roten Ampel stehen und dann, wenn sie wieder grün geworden ist, sich überlegen: „Oh, die Ampel ist grün, dann, ähm, Moment, ahja, kann ich jetzt langsam den ersten Gang einlegen, und, naja, dann könnte ich ja auch demnächst losfahren.“
Eines meiner Lieblingsthemen, schon immer, ist das Blinken. Es gehört zu den aussterbenden Tätigkeiten. Blinken beim Ausscheren hinter einem Lkw auf der Autobahn? Nö. Blinken, bevor ich den Kreisverkehr verlasse? Ach. Blinken, bevor ich bremse, um irgendwo abzubiegen oder anzuhalten? Geschenkt! Ich raste aus. Jedesmal. Immer mehr Leute denken anscheinend, dass der Blinker kein Warnzeichen, sondern ein netter Lichteffekt zur stimmungsvollen Untermalung ist.

Vor allem das Nichtgeblinke, aber auch viele andere Auswüchse sind für mich ein Zeichen, dass rücksichtsvolles, mitdenkendes und vorausschauendes Autofahren immer seltener wird. Ich unterstelle den meisten keine bewusste und damit aggressive Rücksichtslosigkeit, aber Ignoranz und Egoismus, die aus stinkender Faulheit gewachsen sind, sind beinahe genauso schlimm.

Schlimm ist dieses Verhalten deshalb, weil es nicht nur mitunter gefährlich ist, sondern auch, weil es den Verkehr behindert. Stets und ständig beschweren sich alle, dass es auf den Straßen überall verstopft ist und nirgendwo vorangeht. Aber niemand tut etwas dagegen, sondern viel dafür, dass es noch schlimmer wird.

Es könnte so einfach sein. Rechtzeitig die nächste Aktion ankündigen durch Blinken. Mal einen Abbieger durchlassen, hinter dem sich schon ein Riesenstau gebildet hat. Mal vorausschauen, wenn man auf eine gut einsehbare Kreuzung, Einmündung oder einen Kreisverkehr zufährt, damit man, wenn frei ist, zügig weiterfahren kann und nicht erst eine Vollbremsung an der Haltelinie hinlegen muss. Einfach mal wachsam sein, um sich gucken, den gesamten Verkehr im Blick haben. Nicht nur das eigene Auto und das nächste Verkehrsschild, das mir Anweisungen gibt, was ich als nächstes tun muss, weil ich zu faul bin, mir das selbst zu überlegen.

Ich glaube ernsthaft und bin ein bisschen froh, dass ich das besser kann - eigentlich. Denn daran, dass das alles nicht passiert, und zwar in jeder Stunde tausendfach auf unseren Straßen, verzweifele ich. Schlimmer noch: Es macht mich aggressiv. Ich will das nicht, aber es passiert. Ich raste im Auto aus, wenn mal wieder einer nicht blinkt vor mir, so dass der Sohn mich anguckt, als sei ich ein Monster. Ich werde ungeduldig, was ich eigentlich nicht bin, und lasse mich dadurch zu riskanten Manövern hinreißen, fahre zu dicht auf. Den prompten – und völlig berechtigten – Einlauf von meiner angetrauten und liebsten Beifahrerin gibt’s gratis dazu. Es ist schlimm. Isch möschte das nischt.

Können sich die deutschen Autofahrer nicht ein bisschen was aus Italien oder so abgucken? Die Südländer wissen noch, dass Blinker und Hupe Warn- und Ankündigungssignale sind - und keine Leuchteffekte oder Pöbelinstumente. Wenn man dort in die fahrenden Autos schaut – selbst erlebt in Florenz und sogar in Brüssel – dann sieht man, dass Augen und Hälse ständig in Bewegung sind, um sich um- oder in die Spiegel zu schauen. Weil alle es tun, funktioniert es. Tut man es nicht, kommt man keine hundert Meter weit ohne Blechschaden. Hier in Deutschland tun es zu viele nicht. Hier gibt es ja Schilder, Markierungen und Verkehrsregeln, mit denen uns die heilige StVO das Denken und Vorausschauen abnimmt.

Ändern kann ich die Zustände wohl nicht. Deshalb hat dieser Text den selbsttherapeutischen Ansatz. Das Ziel: Der negative Effekt der Umstände, die ich nicht ändern kann, soll mir bewusst werden, damit ich gegensteuern kann. Selbsterkenntnis und so, ihr kennt das. Ich will wieder gelassener werden. Ich will mich nicht mehr so aufregen über die ganzen Ign…

Ich will wieder gelassener werden. Ganz im Sinne Karl Valentins: „Ich freue mich, wenn es regnet. Denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch.“